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Laufwunder

Rennsteig 2013 - Wenn es einfach wäre...

5. Juni 2013 , Geschrieben von Holger

 …würde es Fußball heißen!“ Dieser aufmunternde Spruch war das Erste, was ich morgens in der ganz frühen Frühe in Eisenach wahrgenommen habe. Er war nicht nur aufmunternd, sondern auch einprägsam und sollte mich nicht wieder loslassen. Immerhin würde der Fußball auch noch eine Rolle spielen, wenn auch erst am anderen Ende des Tages. Doch dazwischen sollte noch eine ganze Menge passieren, deshalb der Reihe nach und keine Hektik am Morgen.

400_3932613864663865.jpgDas Jubiläum holt mich ein

Noch leicht schläfrig, aber innerlich doch schon voller Spannung spulte ich die kleinen Vorstart-Rituale ab. Startnummer holen, Dixi besuchen und dann ein Plätzchen im Zelt gesucht. Ekki aus Berlin war schon da – sozusagen unübersehbar, weil zwei Köpfe größer als ich. Klamotten? Eisig kalt war es und Regen angesagt. Zwei Shirts und die Jacke angezogen, Regencape in den Rucksack. Startnummer am Band befestigt und umgeschaut. Apropos Startnummer. Ekki fragte mich plötzlich, wieso meine Startnummer eine andere Farbe habe. Ich hatte überhaupt noch nicht bemerkt, dass meine Startnummer einen hellblauen Hintergrund hatte im Gegensatz zu den anderen, die einfach weiß waren. Bis ich in der unteren Ecke las: „25 mal dabei“. Boah, ich hatte eine Jubiläums-Startnummer abbekommen! Und das, obwohl ich beschlossen hatte, die „25“ erst im nächsten Jahr zu feiern. Kurz vor dem Start, inzwischen waren auch Jörg, Elke und Jens eingetroffen, wurden auch noch die Namen aller verlesen, die den Lauf mindestens 25 mal mitgemacht haben. Wenn das keine Motivation war! Spätestens ab diesem Zeitpunkt gab ich die Verweigerungshaltung auf. Genau richtig, denn während des Laufes wurde ich mindestens noch zehn Mal auf die Nummer angesprochen. Ich hätte nie gedacht, dass das verwurschtelte Teil an meinem Hintern so ein Interesse auslöst.

400_3064323366383139.jpgRennsteig oder Highway To Hell?

Nach dem Start zunächst nichts Neues. Aufwärts ging es in Richtung Hohe Sonne. An jedem Matschloch und jeder Engstelle gab es einen kleinen Läuferstau. Auch eine Art, am Anfang nicht zu „überpacen“. Immerhin hat es dazu geführt, dass ich auch Petra noch begrüßen konnte! Ich nahm es hin und kam so ganz allmählich in den Lauf hinein. Frühstück an der Glasbachwiese und weiter ging es, natürlich immer weiter aufwärts. Wieder interessierte sich jemand für meine Startnummer. Es war Birgit, eine Autorin der Seite Trailrunning.de. Sie hat übrigens einen wunderschönen Bericht geschrieben, der die Stimmung dieses Laufes einmalig wiedergibt!
Auf dem Anstieg zum Inselsberg waren plötzlich vertraute Heimatklänge zu hören – das Rennsteiglied wurde vielstimmig in den morgendlichen Wald gegrölt. Noch konnte ich nicht sehen, wo der Spaß herkam, aber bald holte ich eine schweinchenrosa gekleidete Bande namens „Team Hanka“ ein. Von den Typen schleppte einer tatsächlich eine Gitarre mit und spielte zwischen Herbert Roth und AC/DC alles, was man an Refrains so kennt! Und die waren trotz des Spaßes nicht langsam unterwegs! Unter diesen Klängen nahm ich den letzten Anstieg im forschen Wanderschritt, den Gipfel fest im Auge. Fürs Auge war dann auch die Aussicht auf dem Berg – super Fernsicht! Ein Stückchen Highway To Hell kam dann auch noch, denn der Abstieg vom Inselsberg war angesichts des schmierigen Untergrundes streckenweise ziemlich teuflisch und erforderte höllische Aufmerksamkeit.

Leicht genervt zur Neuhöfer Wiese

Die folgenden gut zehn Kilometer bis zur Hälfte des Laufes hatte ich mir ein bisschen anders vorgenommen. Eigentlich wollte ich diesmal versuchen, in diesem relativ unkomplizierten Abschnitt schneller unterwegs zu sein als sonst. Das hat nicht ganz geklappt, denn ab dem Possenröder Kreuz zwickte der rechte Oberschenkel alarmierend vor sich hin, so dass ich auf dem Weg zur Ebertswiese ein paar Gehpausen zur Lockerung machen musste. Der Körper wollte sein gewohntes Tempo zurück und als er es hatte, hörte auch der Schmerz auf. An der Ebertswiese namentliche Begrüßung, wie nett ist das denn? Kurze Rast, aha, Petra war inzwischen auch schon heran. Hier und da saßen Sportsfreunde, genossen den Blick auf die blühende Wiese und nahmen sich richtig Zeit zum Verweilen. Für mich war das nichts, ich wollte weiter. Ich war gut drauf, nahm die Neue Ausspanne ziemlich zügig und rannte solange gegen den Sperrhügel, bis der seine Aufgabe ernst nahm und mir für eine Weile den Laufschritt sperrte. Während des Sperrhügel-Bezwingens bekam ich richtig Hunger und ich erinnerte mich an die Knackwürstchen, die es immer am kommenden Verpflegungspunkt gab. So steigerte ich mich in einen Heißhunger und als ich an der Neuhöfer Wiese angekommen war, gab es zwar die leckeren Würstchen, aber ich bekam keines hinunter. Mist.

Zweite Luft, tolle Sicht und wieder eine Begrüßung

Wie immer, stellte sich nach knapp 50 Kilometern die zweite Luft ein. Die schöne Aussicht von der Schmalkalder Loibe in Richtung Rhön tat ihr Übriges für gute Stimmung. Drei Berliner Läufer knipsten ohne Ende und ich konnte ihnen immerhin die Namen der Berge fürs Fotoalbum diktieren: Großer Hermannsberg, Dolmar und Geba waren gut zu sehen. Locker und mit Spaß ging es Richtung Oberhof voran. Vor dem Verpflegungspunkt war allerdings noch ein Sumpf zu überwinden. Eine nasse, knöcheltiefe Wiese bildete den Zugang zum Grenzadler, aber das war jetzt wirklich egal. Angesichts der schlechten Wetterprognose bedankte ich mich sowieso für jede trockene Stunde und hier waren es schon über sieben davon. Was sind dagegen nasse Füße? Gerade war ich auf dem Weg zur Suppe, hörte ich zum dritten Mal während dieses Laufes meinen Namen. Es wurde nichts ausgelassen, mich zu motivieren, dabei war ich auch so schon gut drauf! Trotzdem habe ich es genossen, wobei für mich sowieso jeder ein Held ist, der diese Strecke schafft. Schaffen konnte man sich übrigens auch nur bis Oberhof, wenn man wollte oder musste. Hier gibt es die Möglichkeit, mit Zeitnahme und allen Ehren den Lauf nach knapp 55km, also im Ultrabereich, zu beenden. Immerhin eine Variante, falls es mal gar nicht läuft und 2011 war ich kurz davor, wenn ihr euch erinnert. Später habe ich dann erfahren, dass sich Jörg verletzungsbedingt entschlossen hatte, hier auszusteigen. Hut ab vor dieser Entscheidung! Das hat meinen höchsten Respekt, wenn man als Freizeitsportler die Gesundheit über Ego-Kram stellen kann!

Eigentlich hätte ich noch Lust gehabt

Der Rest ist schnell erzählt. Bis zur Schmücke begegnete ich noch so manchem Läufervölkchen zwischen Ostfriesland und Chemnitz (das Wörtchen „euja“ hat euch verraten, ich kenne mich aus…). Auf den letzten sieben Kilometern holte ich dann Gero, den Hundetrainer aus Dresden ein. Er war heute ohne seine Hundis unterwegs und sprach von den „Kerlen“, die ihn diesmal im Ziel erwarten würden. Wir sind uns im letzten Jahr schon auf dem Rennsteig und auch beim Brockenmarathon begegnet, da waren die Vierbeiner dabei. Neben Gero lief eine zierliche Frau den Hohlweg Richtung Borstenplatz hinab. Ich war hinter den beiden und habe erst nach zwei Kilometern erkannt, dass es die Andrea aus Erfurt war. Auch wir haben schon den einen oder anderen Lauf zusammen erlebt und das Hallo war natürlich groß! Die Zeit reichte gerade noch, die neuesten Abenteuer auszutauschen, dann war es fast geschafft.

P1000545Über die Straße ging es, dann war Vorsicht geboten. Links stand der Laufwunder-Gedächtnis-Busch. Dorthinein war ich im vorigen Jahr komplett eingeschlagen und nur durch ein Wunder heil geblieben. Ich umging ihn diesmal langsam mit einem bösen Blick und dann war Showtime. Zunächst kam der wahre AC/DC-Freund, der jedes Jahr einen knappen Kilometer vor dem Ziel seine Anlage aufbaut und nochmal richtig einheizt. Rennsteig oder Highway – Wurscht war es jetzt, es kamen die letzten dreihundert Meter und die waren wieder purer Genuss. Die vielen Leute, die am Nachmittag dort noch stehen und Stimmung machen, das gibt es nur in Schmiedefeld. Sehr schnell war plötzlich die Zielgerade da. Ich suchte Anja, um mich für ein gutes Zielfoto in Position zu bringen, soviel Eitelkeit darf sein! Gerade noch rechtzeitig entdeckte ich sie und dann musste ich plötzlich aufhören zu laufen. Warum? Weil der Lauf zu Ende war! Mein 25. Rennsteiglauf, mein vierter Supermarathon und einfach so zu Ende. Komisch, eigentlich hätte ich noch Lust gehabt. Auch der Kick, mit dem sich die Emotionen gewöhnlich entladen, der blieb nahezu aus und kam erst viel später. Welche Zeichen sind das?

Wenn es einfach wäre…

… würde es Fußball heißen. Das Einfache folgte dann abends und nannte sich Champions-League-Finale. Aber so kompliziert war mein Tag nun auch wieder nicht. Schade nur, dass es im Ziel dann in Strömen regnete. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, in welchem Jahr ich in Schmiedefeld das letzte Mal nach dem Lauf entspannt auf der Wiese liegen konnte. Ich muss wohl doch schon ziemlich lange dabei sein beim Rennsteiglauf.

 

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J
Du machst mich irgendwie ganz neidisch.<br /> Ob mein Ausstieg Respekt verdient, oder ich einfach nur schlaff war, weiß ich immer noch nicht so recht
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