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Laufwunder

6 - Wie lang ist "lang genug"?

Mai 2010

 

Der Anlass für diesen Artikel in der Reihe „Hintergründe“ war die provokative Frage „Wie geht das weiter und wo ist das Ende?“, die ich von einem vermeintlichen Lauffreund gestellt bekam. Dieser konnte mit meiner Teilnahme an der langen 72 km-Strecke beim Rennsteiglauf absolut nichts anfangen und redete sie mit vielerlei Argumenten schlecht (vgl. meinen Blog-Eintrag vom 18.05.2010

 

Aber dieser Umstand brachte mich auf die Idee, die Frage einfach mal anders zu formulieren und vielleicht eine Antwort zu finden. Ich möchte denjenigen, die es interessiert, hier ein Stück Erfahrung weitergeben, die ich in über 25 Jahren als Freizeitläufer gesammelt habe, angereichert mit einem Stück allgemeiner Läufer-Weisheiten.

 

Ihr werdet es ahnen. Die Frage, welche Strecke „lang“, „sehr lang“ oder „zu lang“ für jemanden ist, lässt sich pauschal natürlich nicht beantworten. Grundsätzlich ist es so, dass der Mensch von der physiologischen Grundausstattung her ca. ganze drei Stunden laufen kann. Dann sind die Glykogen-Speicher leer und „Ebbe“ angesagt.

 

Ein Halbmarathon-Läufer mit Hobby-Trainingsumfang wird in diese Bereiche kaum vorstoßen. Die Trainingseinheiten liegen zeitlich deutlich darunter und auch ein gemütlicher Läufer wird einen Halbmarathon unter drei Stunden bewältigen können. Deshalb sind Läufe bis zur Halbmarathon-Distanz auch für den Einsteiger recht gut zu trainieren. Gesundheit und Spaß am regelmäßigen Laufen vorausgesetzt, kann das meiner Erfahrung nach jeder innerhalb eines Jahres erreichen, ohne sich gesundheitlichen Risiken auszusetzen und den Körper in der genannten Form „auszureizen“.

 

Beim Marathon sieht die Welt allerdings schon anders aus. Der Volkssport-Marathon-Läufer ist nach drei Stunden ungefähr 30 Kilometer unterwegs und kennt den „Mann mit dem Hammer“, der einem den Marathon nach diesem Zeitpunkt zur richtigen Quälerei machen kann. Vermeiden kann man den Zustand, wenn man sich auskennt, genug trainiert hat und beizeiten angefangen hat, die Glykogen-Speicher durch die Aufnahme zusätzlicher Kohlehydrate während des Laufens wieder aufzufüllen. Mit welchen Mitteln, da gibt es Varianten genug, die sich von der Banane bis zum „Power-Gel“ spannen. Da muss man einfach probieren, was man verträgt.

 

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Mit dem Marathon-Training sind Läufe von mehr als drei Stunden verbunden. Damit gewöhnt man den Körper nicht nur an das lange Laufen, sondern man übt auch, wie man mit dem Punkt „Speicher leer“ umgeht, wobei das Ziel darin besteht, diesen Zustand gar nicht erst entstehen zu lassen. Der Marathon-Läufer weiß also, wie er eine „physiologische Schallmauer“ durchbricht. Das setzt, wie gesagt, umfangreiches Training voraus und gelingt mit wachsender Erfahrung auf langen Strecken immer besser.

 

Überlegt nun selbst. Welches Unternehmen ist aufwändiger und möglicherweise riskanter? Einen Halbmarathon-Läufer zum „Voll“-Marathoni zu machen oder einen erfahrenen Marathon-Läufer zum „Ultra“-Läufer, also auf Distanzen jenseits der 42,195 km?

 

Wenn der Halbmarathon gewöhnte Sportler sich plötzlich vornimmt, einmal weiterzulaufen „bis es nicht mehr geht“, wird er die „Drei-Stunden-Erfahrung“ machen. Dem Läufer-Hintern aber, der vier und mehr Stunden Bewegung gewöhnt ist, dem ist es völlig schnuppe, wie weit er dann noch getragen wird. Das regelt in erster Linie der Kopf.

 

Meine Erfahrung sagt, dass es eigentlich egal ist, welche Distanz man letztendlich läuft, wenn man die Schallmauer Marathon durchbrochen hat. Für Ultraläufe ist entscheidend, was man sich im Kopf vorstellen kann. Vor zwei Jahren waren für mich Läufe von “42+“ noch im Fabelbereich. Seit einem Jahr konnte ich mir vorstellen, so etwas zu versuchen. Also ran an die 50er und es ging gut. Auch die lange Rennsteig-Strecke war jetzt im Kopf reif, also hab ich mich gewagt – und es geschafft!

 

Was ist also lang genug? Einfache Definition für mich: Die längste Strecke, die ich mir vorstellen kann und auf die ich mich vorbereiten kann, ohne meine Gesundheit zu riskieren. Ganz einfach  :-)

 

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