Jogg-Schock am Rennsteig
Das Wochenende brachte Gelegenheit, den geliebten Wald wieder einmal bei Tageslicht zu begutachten. Ich habe das ausgiebig getan. Am Samstag mit einem einstündigen Lauf zusammen mit Manu und am Sonntagmorgen war ich zwei Stunden allein unterwegs. Es sollte ein gemütliches „Einrollen“ für den Advents-Marathon in Bad Arolsen sein. Einfach, um nach der Regenerationszeit hinter dem Alb-Marathon nochmal eine längere Strecke gelaufen zu sein. Das brachte mich auf die Idee, diesmal eine andere Runde zu wählen und ich machte mich gleich von zu Hause aus auf den Weg zur Wegscheide. Diese vier Kilometer bergan sind hervorragend geeignet dafür, sich die weitere Strecke zu überlegen, denn wie der Name schon sagt – an der Wegschiede gibt es dafür mehrere Möglichkeiten.
Ich entschied mich, um den Salzberg herum Richtung Rennsteig zu laufen. Nach kurzer Zeit kam ich an der Bergstation des Goldlauterer Skihangs vorbei, bekanntlich einer der steilsten überhaupt.
Schaut auf das Foto – die Strecke verschwindet praktisch im freien Fall nach unten! Wenn ich eines weiß, dann, dass mich da keine zehn Pferde jemals mit Skiern an den Füßen auch nur zum Rand dieses Hanges bringen werden! Neeee, da lauf ich lieber drumrum, auch wenn der Schlamm meine Schuhe am liebsten behalten hätte auf diesem Stück.
Auf dem Abschnitt zwischen der „Kalten Herberge“ und dem „Bierfleck“ hörte ich schon von weitem ein bekanntes Geräusch. Klack-klack-klack… Stöckler! Der Schrecken des Läufers nahte! Aber es war noch schlimmer. Es kam nur eine einzige Person, aber die joggte mit Walkingstöcken! Praktisch ein Außerirdischer, ein Mutant quasi! So etwas hatte ich noch nie gesehen – ein Läufer mit Allradantrieb! Oder nennt man das Nordic-Joggen? Oder Jog-Walken (sprich „Schock-Walken“)? Oder Walk-Joggen? Wie auch immer, er machte nicht den glücklichsten Eindruck, glaube ich. Möglicherweise hat er auch nur die Gebrauchsanweisung für die Stöcke falsch gelesen? Waren die maschinell aus dem Chinesischen übersetzt? Fragen über Fragen, die ich mir dann minutenlang stellte. In der folgenden halben Stunde ging die Lästerei immer mehr mit mir durch und so entstanden schon diese Zeilen beim Laufen. Der Allradgetriebene möge mir verzeihen!
Vom Rennsteig abwärts nahm ich eine Strecke, die ich das letzte Mal bei meinem verrückten „Wüstenlauf“ benutzt hatte. Den Einheimischen ist sie als „Leitweg“ bekannt, der über knapp zehn Kilometer zurück nach Suhl führt. Im Sommer, wenn alles bewachsen ist, ist das eine recht langweilige Angelegenheit. Doch jetzt, dank Laubfreiheit und Holzfällung gab es herrliche Aussichten von unterwegs hinein in das Tal der „Langen Lauter“ und von dort Richtung Westen nach Suhl und Zella-Mehlis.


Welcher Spaßvogel diese Bank in den Wind gestellt hatte, weiß ich nicht. Die Aussicht jedenfalls ist von dort toll. Winzig klein sieht man übrigens unten das Zielhäuschen des Skihanges. Dieser Blick verlässt den Läufer die nächsten vier Kilometer nicht und es ist lange Gelegenheit zum Bewundern dieses herrlichen Fleckchens. Ach ich merke schon, es wird Zeit, sich doch mal mit einem GPS zu beschäftigen. Diese wunderschönen Laufstrecken würden vielen anderen Laufwundern auch gefallen. Wie gesagt, nach knapp zwei Stunden trudelte ich direkt aus dem Wald wieder zu Hause ein. Obwohl es ein lockerer Lauf war, habe ich danach doch die über 500 Höhenmeter in den Beinen gemerkt. Bei uns geht es eben nie geradeaus, sondern immer nur auf oder ab - wie im wirklichen Leben. Aber irgendwo hat das ja auch seinen Reiz. Solche Läufe sagen mir eigentlich immer, das ich doch dankbar sein müsste. Ich habe diese herrliche Natur mit den endlosen Laufwegen das ganze Jahr um mich herum. Klar bin ich dankbar dafür. Andere müssen dafür hunderte Kilometer weit anreisen. Aber keinen Neid, nä? ;-)