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Laufwunder

Zwischen Heidelbeersuppe und Schwarzbier

14. Mai 2012 , Geschrieben von Holger

Denn sie wissen…

STH75080.JPGMorgens fünf Uhr in Eisenach. Ruhig geht es zu bei den letzten Vorbereitungen für das, was für die einen Ruhm und Medaillen bringen sollte und für die anderen einfach ein Abenteuer werden würde. Im Zelt traf ich auf viele in sich gekehrte Leute, die an der Ausrüstung werkelten, Startnummern befestigten, irgendein Wärmeöl zum Einsatz brachten oder dies alles schon erledigt hatten und noch ein bisschen vor sich hin dösten. Denn sie wussten, was ihnen noch bevorstehen würde und die, die es noch nicht wussten, ahnten es sicher schon. Ich mischte mich mitten rein, zog mich an, packte dies und das in meinen Laufrucksack und schaute mich nebenbei um. Zwanzig Minuten vor dem Start - keine Spur von Hochstimmung, Euphorie und Partymusik, wie man das von den anderen Startorten kennt. Konzentrierte Spannung herrschte vor, unterbrochen vom kurzen Begrüßungsjubel, wenn sich STH75079Bekannte trafen.

Es dauerte auch nicht lange, da hatte ich alle gefunden: Jörg und Ecki, Jens und Elke, die Erfurter Runde mit Dagmar, Andrea, Silvio und Norbert, dazu Heike und Frank aus dem Erzgebirge. Fotoapparate gingen noch hin und her, da ertönte plötzlich und unerwartet der Startschuss. Kurzer Blick in die Runde: „Geht’s jetzt los?“ Es ging! Also ab durch das aufgeblasene Starttor und das musste schnell gehen, denn selbiges hing in der Mitte schon bedenklich durch und wurde von einem Helfer gestützt. Was ist eigentlich, wenn so ein Ding den Geist aufgibt, bevor der Letzte durch ist? Darf der dann trotzdem noch mitmachen? Spannende Frage.



Noch zwei Stunden bis zum Frühstück

Als sich das Feld dann in die schmalen Wald- und Wiesenwege sortierte, kam es tatsächlich zu kleinen Staus! Spätestens hier wurde deutlich, dass es diesmal einige Hundert Starter mehr waren als in den vergangenen Jahren. Jetzt ging es erst mal darum, nach acht Kilometern den Rennsteig zu erreichen. Dann, nach 18 Kilometern, winkte das Frühstücksbuffet an der Glasbachwiese. Beim Gedanken daran stellte sich auch prompt der Hunger ein. Kein Wunder, denn wie lautet eine der Supermarathon-Weisheiten? „Der Lauf, den man hungrig beginnt und satt beendet“. An dieser Stelle konnte ich das schon einmal bestätigen. Also, die Aussicht auf was zu beißen war Motivation genug für den ersten Abschnitt. Der Verpflegungspunkt war wie immer bestens ausgerüstet und ich nahm mir ein bisschen Zeit. Gab es die Heidelbeersuppe dort auch im letzten Jahr schon oder war das ein Plagiat der Ebertswiese? Egal, geschmeckt hat es und guter Dinge ging es Richtung Inselsberg.


Knochenmühle – Teil 1


STH75085.JPGAuf den langen Stock- und Steinanstiegen hin zum Inselsberg begrenzte sich das Lauftempo praktisch von selbst und wurde hin und wieder auch zum Walking-Tempo. Das war die Zeit, mal in die Gesichter der Anderen zu schauen und einen Spruch hin und her zu schicken Ich sah mich um und bemerkte, dass keiner Lust hatte, schon das ganze Pulver zu verschießen und da hoch zu rennen. Ich dachte an mein Erlebnis vom letzten Jahr, als ich mich hier schon ziemlich scheintot aufwärts geschleppt hatte. Heute allerdings war ich bester Stimmung.





STH75087.JPGKilometer 25 signalisierte dann das Ende des Aufstiegs. Es ging direkt über den 916 Meter hohen Gipfel. Es waren kaum Leute zu sehen, dafür war die Aussicht prima! Aber die gefühlten null Grad luden nicht wirklich zum Verweilen ein und ich machte mich auf den kurzen, aber gefährlich glatten Abstieg. Vorsicht war hier die Mutter der Bänder und Knöchel! Zwischen Grenzwiese und Heuberghaus kam ich mit einem Pärchen aus dem Schwarzwald ins Gespräch. Obwohl schon gestandene Ultraläufer, hatte sie erst das Jubiläum des Laufes zum Rennsteig gelockt. Das erste Mal auf dem Supermarathon dabei und nach knapp dreißig Kilometern waren beide schon absolut begeistert von der Strecke! Sie fragten nach dem nächsten Verpflegungspunkt und ich stellte ihnen das Mittagsmenü an der Ebertswiese in Aussicht.

Heidelbeersuppe mit Würstchen

STH75089.JPGMach ich irgendwie den Eindruck, dass ich nur wegen der Fresserei unterwegs war? „Der Lauf, den man hungrig beginnt…“, ihr wisst ja, aber inzwischen war es elf Uhr, die Hälfte geschafft und wieder mal Zeit zur Stärkung. Das Menü hing schon beim Heranlaufen an die Ebertswiese aus – sehr gut – einmal in dieser Reihenfolge bitte! Ich nahm mir Zeit zur Stärkung und plötzlich hörte ich im schönsten schwäbischen Dialekt: „Hest rescht ghabt mitter Ebertschwiese“. Aha, die Schwarzwälder waren da und ihnen hatte es auch geschmeckt. Prima, denn die Kraft wurde jetzt gebraucht. Der zweite Teil des Laufes beginnt nämlich mit einem echten Kracher, den bösen Anstiegen zwischen Kilometer 40 und 45 mit dem Sperrhügel als Krönung. Aber noch war es nicht so weit und gemütlich ging es zunächst bis zur Neuen Ausspanne.

Warten auf die „zweite Luft“


Vom Sperrhügel hatte ich in den Berichten der letzten beiden Jahre schon ausführlich geschrieben. Da kommen für den Freizeit-Läufer einige Dinge zusammen, die sich in der Summe bemerkbar machen: Schon viele Stunden unterwegs und erste einsetzende Müdigkeit, ein bisschen körperlicher Verschleiß nach 43 km über hartes Profil. Und dann der ewige Anstieg auf geröllartigem Untergrund. Ein Knackpunkt eben.

Ich dachte laut drüber nach, ob die Spitzenläufer hier wohl hinaufrennen würden? Von den Leuten um mich herum kamen unterschiedliche Vermutungen. Später hab ich dann in den Zwischenzeiten gesehen, dass der Sieger Christian Seiler genau hier fünf Minuten Vorsprung herausgeholt haben musste und die Konkurrenz auf Nimmerwiedersehen verabschiedet hatte! Wahnsinn!

Mir selbst gelang es diesmal, den Sperrhügel gelassen zu sehen und in Ruhe hinter mich zu bringen. Ich wusste, dass der Anstieg irgendwann zu Ende ist und dann ein Abschnitt folgt, der sich schön laufen lässt. Genau hier, nach 48 Kilometern, war die Situation, die ich im letzten Jahr als „Laufwunder der besonderen Art“ beschrieben hatte. Ich erinnerte mich daran: Die Stelle, ab der es plötzlich einfach super lief und ich nicht wusste, warum. Ich wartete darauf, was diesmal passieren würde und siehe da – genau das Gleiche! Hochstimmung, Wehwechen weg, Spaß! Wahrscheinlich beginnt hier schon die Adrenalin-Endorphin-Dröhnung, anders kann ich mir das nicht erklären. Also packte ich es an! Es ging flott Richtung Oberhof und als ich am Kilometer 51,8 die Getränkestelle hinter mir ließ, rechnete ich das erste Mal kurz die Zeit hoch und war überrascht. Das sah sehr gut aus für deutlich „unter Zehn“! Und es war ja nur noch ein Halbmarathon. Ab hier hab ich den Fotoapparat weggesteckt. Nicht wundern, aber es erwachte der Sportsgeist.


Suppe ist auch ein Getränk


Jetzt wollte ich wirklich wissen, was geht. Dass ich auf den letzten 18 km noch gut durchziehen kann, habe ich im Vorjahr gezeigt. Also probieren! Im Übereifer schnappte ich mir am Grenzadler ein Brot und zwei Becher Brühe anstelle eines Bechers Tee. Ich war kurz erschrocken und wollte erst zurückgehen, weil ich das Trinken vergessen hatte. Im nächsten Moment redete ich mir ein, dass Suppe ja auch was Flüssiges ist und lief einfach weiter. Hinter der Brücke am Rondell erscheinen die Markierungen vom Halbmarathon. Kilometer drei, nein, nicht nochmal heute.

Die „60“ ließ wieder lange auf sich warten. Leicht versteckt fand ich das Schild vor der Suhler Ausspanne. Übrigens fällt der Abschnitt „Knochenbrecher-Teil 2“ aus! Erfreut habe ich festgestellt, dass man den Weg vor der Ausspanne befestigt hat und die gefährlichen Wurzeln beseitigt wurden. Spitze! Der Große Beerberg war nun erreicht. Jaja, ich weiß, der höchste Punkt des Laufes, wem sagt ihr das? Von dort kann ich unser Haus in Suhl sehen! Ich kam noch mit einem Lauffreund aus Dresden ins Gespräch, der von einer Weimeraner-Hündin begleitet wurde. Diese machte auch nach 63 gelaufenen Kilometern den Eindruck, als hätte sie nur eben die Zeitung aus dem Briefkasten geholt. Na gut, die hat auch vier Beine, ist ja keine Kunst! Apropos Beine. Meine beiden liefen einfach so dahin Richtung Schmücke. Immer noch locker und leicht!

Bier gibt’s am Bierfleck!


An der Schmücke verweilte ich diesmal nicht lange. Ein Stück Banane, ein bisschen Tee, tatsächlich, ich konnte nicht mehr essen! „Der Lauf, den man satt beendet…“. Auch das Bier ließ ich stehen, neee, nicht diese Verlockung, Bier gibt’s am Bierfleck, nicht eher! Bis dahin waren es noch ein paar Kilometerchen bergab und der kurze Anstieg davor machte dann richtig Durst. Die Uhr zeigte zwanzig nach Drei, also Zeit genug fürs Köstritzer Schwarze. Ich gönnte mir einen Becher und sah zu, dass ich weiterkam. Inzwischen hatte mich nämlich eine Läuferin wieder eingeholt, die ich vorher mit einigem Aufwand selbst überholt hatte. Nicht, dass ich sie nicht leiden konnte, aber ihr Laufstil mit weit schlenkernden Armen und Beinen machte mich verrückt. Deshalb wollte ich schnell wieder vorbei.

Im Tiefflug


Es begann der Teil des Laufes, wegen dem ich das alles eigentlich mache. Die letzten drei Kilometer! Der klassische Sockenbügler könnte jetzt anmerken, man könne ja mit dem Auto zum Bierfleck fahren, mit dem Schwarzbier beginnen und von dort loslaufen. Aber so einfach ist es nun mal nicht. Woher sollte in diesem Fall das Fass Adrenalin kommen, dass jetzt gleich explodieren würde? Da brauchts ein paar Stunden Vorlaufzeit, im wahrsten Sinne des Wortes! Es begann der Tiefflug. Zunächst an der „70“ vorbei. Dann über die Straße, jetzt gleich links ab … oder so…

Ich bekam nur im Unterbewusstsein mit, dass ich irgendwie auf einen rollenden Stein getreten sein musste, jedenfalls wurde ich immer schneller, versuchte mich abzufangen und schlug dann doch links im Gebüsch ein. Das hat sicher spektakulär ausgesehen, hoffentlich hat das keiner auf YouTube gestellt. Es waren jedenfalls genug nette Mitläufer da und nach dem Motto „Vier-Mann-vier-Ecken“ wurde ich in Sekundenschnelle wieder auf die Beine gehoben und konnte weiterfliegen. Zeit für die Schadensaufnahme war jetzt eh nicht, ich hatte nur registriert, dass meine neue Laufhose heilgeblieben war und alles andere war noch gut beweglich.

Foto0320a.jpgAlso Zeit fürs Feiern und Feiernlassen! Ganz bewusst habe ich diesmal die letzten paar hundert Meter und dann die Zielgerade genossen!

Habe versucht, so viele Gesichter wie möglich zu erkennen. Habe jeden Einzelnen gegrüßt, der irgendwie am Anfeuern beteiligt war. Habe Manu noch rechtzeitig erkannt, um die Arme hochzureißen. Und wäre vor Freude bis zur Getränkebude durchgelaufen, wenn mir nicht plötzlich jemand eine Medaille umgehängt hätte.

Da erst war mir klar: Der Lauf war zu Ende! Zum dritten Mal ein Supererlebnis, ein Wahnsinns-Laufabenteuer und dazu noch mehr als eine halbe Stunde schneller als im Vorjahr! Ob ich verrückt bin? Ich werde drüber nachdenken, verspochen. Das hier muss aber erst mal sacken.

 

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T
Hihi, super Sache!!!<br /> Besonders spannend ist, wie man die letzten beiden Absätze im doppelten Tempo liest als die oberen ;) Haste gut gemacht Vati, und nun pfleg dich schön!<br /> Küsschen!
Antworten
E
Echt? Du hast dich kurz vorm Ziel noch in den Busch gepackt?? Krass! Das stell ich mir gerade so schön bldlich vor! Das hätte mir auch passieren können ;-)<br /> Hatte auch mehrere "Haltungskorrekturen" mit Abzug in der B-Note, aber alles glimpflich abgegangen.<br /> Die Konzentration und Koordination lässt dann doch rapide nach, nach solchen Distanzen. Glückwunsch zum Finish und CU later, alte Rinde! Bis bald, Grüße von Elke und Jens
Antworten
H
<br /> <br /> Erst mal Glückwunsch zum Super-Debüt! Im Moment pflege ich einen halben Meter Blutergüsse zwischen Knie und Hüfte, sonst gehts, tut ja nich weh :-) Schöne Grüße an den Kollegen Thoni Mara<br /> sag ich nur - die Hose hat ne Menge abgehalten und ist selber heilgeblieben - welche Referenz! :-)<br /> Angenehme Entspannung und viele Grüße!<br /> <br /> <br /> <br />
J
Du solltest mal versuchen, den SM mit negativer Energiebilanz zu laufen ;-)<br /> <br /> Grüße<br /> <br /> Jörg
Antworten
H
<br /> <br /> Du meinst, ich soll ihn gewinnen? Neee das ist doch nur der halbe Spaß, das geht so schnell :-)<br /> Gruß vom Holger<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> <br />