Ultra im Ländle
Das Schwabenland rief zum Alb-Marathon! Hier habe ich im letzten Jahr meinen ersten Ultra gefeiert. Diesmal hatte der Lauf eine ganz andere Bedeutung. Es sollte mein dritter Start innerhalb der ECU-Wertung sein und mir mein sportliches Jahresziel sichern: das T-Shirt für drei geschaffte Ultras. Damit war die Motivation klar.
Das Wetter versprach schön zu werden, genau wie im vergangenen Jahr. Ich hatte wieder das gleiche Hotel gebucht, einen Katzensprung vom Start entfernt. Am Samstag der erste Blick aus dem Fenster – Sonne, aber Minusgrade! Klamottenspaß, der erste. Dies und das angezogen und eine Runde draußen gedreht. Es war echt bitter kalt, aber bei der Sonne könnte sich das schnell ändern. Ich vertraute auf meinen Riecher, der hatte mich diesbezüglich noch nie getäuscht. Also entschied ich mich für ein kurzes und ein langes Shirt und die Jacke drüber. Die konnte ich mir notfalls um den Bauch binden.
Ich hörte in mich hinein, etwas war anders als sonst vor solchen langen Läufen. Irgendwie fehlte mir noch die Spannung. Ich war erstaunlich relaxt. Nach dem Frühstück war noch so viel Zeit, dass ich mich sogar nochmal eine halbe Stunde hingelegt habe! Ich ging in Gedanken den Lauf vom letzten Jahr durch, dachte mal über einen „Rennsteig-Trail“ nach und endlich kam so etwas wie Vorfreude auf. Am Start zunächst großes Hallo – Heike und Frank aus dem Erzgebirge waren auch da. Wir hatten im April den Lauf in Mnisek zusammen bestritten. Kurzer Schwatz. Die beiden waren auch in diesem Jahr wieder auf dem Trans-Alpin unterwegs, mich peitscht der Neid! Mit halbem Ohr hörte ich dem Sprecher zu. Da gibt es einen Seriensieger auf der Alb, der trainiert 250 Kilometer in der Woche, wie ich hörte. Kurze Rechnung am Rande: Wenn man dem Mann einen freien Tag zugesteht, läuft der täglich einen Marathon? Warum nur? Ob der noch Spaß hat?
Nach dem Start begann es auch gleich hier und da zu zwicken. Völlig ungewohnt für mich, aber die Saison war lang und der Kracher im Erzgebirge erst gut vier Wochen her. Das fiel mir bei der Gelegenheit wieder ein. Ich wartete darauf, dass ich auf Betriebstemperatur kommen würde und der Schmerz sich im Körper verteilt. Verschiedene Muskeln und Gelenke meldeten sich zu Wort. Ich redete ihnen in Gedanken gut zu und versprach drei Monate Schonung, wenn sie mich heute nochmal 50 Kilometer fortbewegen würden. Aber trotz aller Überredungskünste kam ich nicht wirklich in Gang. Der rechte Fuß und die Oberschenkelmuskulatur schmerzten so vor sich hin und hielten den Laufspaß in Grenzen. Aber da war noch die herrliche Umgebung. Mit dem Blick in die Landschaft konnte ich mich prima ablenken und kam trotzdem voran. Für Ablenkung sorgte auch ein Blick ins Läuferfeld. Wobei, was heißt Läuferfeld? Denn zuerst fiel mir ein Power-Stöckler auf, der locker mit dem laufenden Volk mithielt. Nur wer das schon mal gesehen hat – Riesenschritte bei extremer Vorlage. Wenn der die Stöcke nicht gehabt hätte, der wäre umgekippt! Laufen wäre hier einfacher gewesen, echt mal. Dann sah ich noch jemanden aus der Abteilung Strichmännchen. Halb so breit wie ich, war auch der offenbar um eigenen Stil bemüht und hopste die ganze Strecke vor sich hin! Ich verlor ihn auch bald aus den Augen, so schnell war er!
Bei Halbzeit des Rennens auf dem Rechberg war ich in der gleichen Zeit wie im Vorjahr, allerdings hatte es mich schon sehr angestrengt. Zum Glück verzogen sich die Schmerzen mit steigendem Adrenalinspiegel und wurden nach 35 km nur durch die allgemeine Müdigkeit ersetzt. Doch auch am Kilometer 40 lag ich wider Erwarten noch genau in der Zeit des Vorjahres. Nur damals war ich an dieser Stelle noch voll im Saft und konnte noch einen draufsetzen. Davon war diesmal keine Rede mehr. Außerdem ging es um nichts anderes, als den Lauf gut ins Ziel zu bringen. So bin ich weiter langsam vor mich hin getrabt. Auf den letzten sieben Kilometern verläuft der Weg immer oberhalb von Schwäbisch Gmünd und ich konnte den Blick auf die Stadt und die Umgebung genießen. Locker ging es durch die Fußgängerzone Richtung Ziel und dann war es auch schon geschafft!
Ein Zielfoto noch mit der Medaille, soviel Zeit muss sein! Langsam wich die Spannung der Freude und dem Stolz. Dieser Lauf ist wirklich etwas Besonderes und verlangt alles ab! Die Strecke allerdings ist landschaftlich allererste Sahne und entschädigt für die Anstrengung. Für mich hieß es nur noch, zu duschen, an der Tanke mit BoWo und Red Bull eine Schnell-Regeneration durchzuführen und dann auf dessen Flügeln nach Hause zu düsen. Und nun her mit dem ECU-Shirt! Ich habs mir erkämpft!
Den Muskeln und Gelenken habe ich inzwischen verklickert, dass sie nur noch ein ganz kleines Mal ran müssen, dort wo es schön warm ist … ;-)