"Runners Deep"
So könnte man das Marathon-Geschehen in 500 Meter Tiefe durchaus nennen. Zum vierten Mal war ich in Merkers am Start und zum zweiten Mal sollte es über die volle Distanz gehen. Klimatechnisch fühlte ich mich durch die Laufband-Rennerei phantastisch angepasst. Der sarkastische Unterton ist rein zufällig. Laufen als Indoor- und jetzt auch als Underdoor-Sportart, bei garantiert keinem Regen, dafür 21 Grad und ebensolcher Luftfeuchte. Also ganz wie im Studio. Cleanroom-Bedingungen! Was schreib ich hier eigentlich für einen denglischen Blödsinn?
Als alter Kristall-Hase achtete ich diesmal drauf, nicht zu früh in Merkers einzutrudeln, denn die Wartezeit zwischen Einfahren und dem Marathon-Start ist ziemlich lang. Ich hätte mir an dieser Stelle gewünscht, dass die Starts des 10 km-Laufes und des Marathons dichter hintereinander folgen würden. So hatte ich Zeit, mich nach bekannten Gesichtern umzusehen. Ich wusste, dass Jörg aus Arnstadt unter den Teilnehmern sein würde, konnte ihn aber leider nicht entdecken. Ansonsten kannte ich nur den unverwüstlichen Martin Wahl aus Zella-Mehlis, der die zehn Kilometer in Angriff nahm. Die Einheimischen waren diesmal echt in der Unterzahl, wie an den vielen Shirts der Vereine aus anderen Gegenden erkennbar war. Thüringen als Untertage-Laufgegend? Warum nicht, Merkers und Sondershausen machen es möglich. Genug der Gedanken.
Seit der Ankunft im Start-Ziel-Gelände war ich schon extrem hibbelig. Ich hatte absoluten Bock auf Laufen, auf einen großen Lauf, einen richtig harten Lauf – auf genau dieses Ding hier! Am liebsten wäre ich schon mit dem 10 km-Feld losgerannt. Ich nutzte die Wartezeit, um mich ein bisschen warmzulaufen. Angesichts des Streckenprofiles eine wichtige Sache. Es gibt praktisch nur diese Varianten: hart bergauf, lang und stetig bergauf oder hart bergab. Einen ebenen Abschnitt sucht man vergebens. Die Vorteile des Rundkurses nutzend, lagerte ich ein Beutelchen mit Gel und Taschentüchern an einem Verpflegungspunkt. Dreizehn mal würde ich da vorbeikommen… Endlich die letzten Vorbereitungen: Helm auf, Licht an! Sekunden vor dem Start bemerkte ich was Komisches an den Armen der anderen Läufer. Bei mir fehlte es. Uuuuups es war der Chip für die Zeitnahme! Der steckte noch in meiner Trainingsjacke. Der erste Sprint des Laufes führte zu meiner Tasche, schnell das Ding an den Arm und hinterher!
Nun begann der gemütliche Teil des Tages: Runde für Runde ging es über den 3,25 km-Kurs. Nur nicht in Hektik verfallen oder sich in ein zu schnelles Tempo locken lassen. Darauf war ich zunächst ganz konzentriert und versuchte, sofort in einen ruhigen, gleichmäßigen Lauf zu kommen. Das gelang mir auch prima und so verlief die erste Hälfte des Laufes recht entspannt. Es war immer derselbe Rhythmus auf der Runde. Bergauf, bergab im stetigen Wechsel, dann tauchte eine Getränkestelle auf, es folgte ein langer Anstieg und danach harte Gefälle. Bald war das Licht des Großbunkers zu sehen, Zwischenzeit („aha, noch x Runden“), Verpflegung und ab gings auf die nächste Runde. Angesichts der trockenen, salzigen Luft war das Trinken ein wichtiges Thema. Die Zeit dafür musste einfach da sein, wenn man bestehen wollte.
Wie im Vorjahr, wurde es dann so ab der achten Runde schwieriger. Die Muskulatur wurde fest und vor allem die Abstiege knallten richtig drauf. Auch der lange Anstieg kurz nach der Hälfte der Runde fraß zunehmend die Kraft. Eine besondere Komponente im Bergwerk ist die Dunkelheit. Man sieht nicht auf 800 Meter Entfernung, wann denn nun der Anstieg zu Ende ist und die Strecke abbiegt. Ich hab dann irgendwann angefangen, die Lampen auf diesem Abschnitt zu zählen. Nach der siebenten oder achten war das Licht im Seitengang zu sehen, dann ging es wieder bergab. Auch die Gefälle wurden in dem Maße gefährlicher, wie die Kraft nachließ. Mir lief es einige Male kalt über den Rücken, wenn ich sah, wie mancher da Vollgas gegeben hat und dann ins Stolpern kam. In der neunten oder zehnten Runde hatte ich einen kleinen Hänger. Ich nahm mir ein bisschen mehr Zeit am Verpflegungsstand, nahm neben Wasser auch ein Stück Banane und Salz und dann ging es auch schon wieder. Die letzten drei Runden konnte ich wieder genießen. Mittlerweile war es ziemlich leer um mich herum. Alle schnellen Leute waren weg, die langsameren weit hinter mir. Nur alle paar hundert Meter tauchte immer mal jemand auf, in mehr oder weniger guter Stimmung.
Dann kam die letzte Runde. Die hat nochmal richtig Spaß gemacht. Schaulaufen mit Dankeschön-Einlagen an die Leute von den Verpflegungspunkten, an die nimmermüden „Anfeuerer“ im Schacht, mit guten Wünschen für die, die noch ein paar Runden vor sich hatten. Im Ziel war ich dem Anlass angemessen ordentlich geschafft, aber bester Stimmung. Und weil ich kürzlich das Thema „extrem“ mal beim Wickel hatte – dieser Lauf gehört mit Sicherheit nicht in die Kategorie „Laufen in der Marathon-Komfortzone“. Richtig wehgetan hat es übrigens erst heute: Als die Physiotherapeutin mit begrenztem Mitleid meine Beine durchknetete und ich mir auf die Hand gebissen habe, um nicht loszuschreien. Alles für den guten Zweck!
@Jörg: Besten Dank für die Fotos!