Rau war der Kammweg!
Das Wortspiel in Anlehnung an ein Buch über die Leute vom Rennsteig drängt sich als Überschrift für diesen Artikel geradezu auf. Ich habe aber nicht vor, euch eine Wegbeschreibung zu liefern, die gibt es tausendfach. Ich möchte euch stattdessen teilhaben lassen am längsten Lauf, den ich bisher erleben durfte.
Kurze Nacht
Was heißt Nacht? Aufgeregt und eher pflichtbewusst bin ich am Freitagabend beizeiten ins Bett gegangen, wohl wissend, dass das mit Schlafen nicht viel werden würde. Um 2.20 Uhr klingelte der Wecker. Ich hatte das Gefühl, keine Sekunde geschlafen zu haben. Schnell die restlichen Sachen eingepackt und ab zur Bushaltestelle. Glücklicherweise hielt eine der Linien, die die Läufer nach Eisenach brachten, in unserer Nähe. Pünktlich 3 Uhr kam auch der Bus, drinnen acht verschlafene Leute, die im Ringberghaus übernachtet hatten. Über Suhl, Zella-Mehlis und Oberhof ging die Fahrt. In Oberhof war früh um vier schon der Bär los! Ca. 50-60 Leute standen da und wollten mit nach Eisenach! Es kamen weitere Busse und letztendlich waren alle untergebracht und kein Platz mehr frei. Erst 5.20 Uhr kamen wir in Eisenach an. Für meinen Geschmack viel zu spät. Die Vorstart-Nervosität sowieso, nicht wissen, wo es die Startunterlagen gibt, wo die Dixies stehen, dort warten … für mich viel zu hektisch. Ich mag da eher meine Ruhe und brauche immer eine Stunde vor dem Start eines solchen Laufes für mich. Also erst mal überall rumgeflitzt, dann hatte ich doch noch ein Eckchen gefunden, um mich in Ruhe umzuziehen, meinen Laufrucksack mit Gel und einem weiteren Shirt zu füllen, Startnummer und Chip anzubringen und einen Moment zur Besinnung zu kommen. Erst fünf Minuten vor dem Start habe ich meine Tasche abgegeben. Leider viel zu spät, um nochmal einen Blick unter die anderen Läufer zu werfen. Ich habe auf Anhieb keine Bekannten gefunden und hoffte, den einen oder anderen später zu treffen. Und dann ging das Abenteuer auch schon los.
Doch eine Wanderung?
Kaum waren fünf Minuten vergangen, ging es auch schon bergan. Eine Steigung, die ich normalerweise gelaufen wäre. Zu meiner Verwunderung gingen weit und breit alle. Ich hatte mich vorsichtshalber im hinteren Viertel einsortiert, um ja keine Anfängerfehler zu machen. Und als Anfänger habe ich mich wirklich gefühlt, trotz aller Läuferjahre und Strecken auf dem Buckel. Das hier war etwas völlig Anderes, soviel war klar. Ich schaute mich dann erst mal in Ruhe im Feld um. Aha, Petra war da. Wir begrüßten uns herzlich und wünschten uns gutes Gelingen. Ich suchte nun Läufer mit Finisher-Shirts vergangener Jahre. Die mussten ja wissen, wie es geht. Ich wurde ein Stück weiter vorn auch fündig und schloss mich einem gemütlich trabenden Pärchen an. Für meine Begriffe im Zeitlupentempo, aber immerhin laufen und nicht wandern. Zudem kam langsam die Sonne aus dem Nebel hervor und es ergab sich ein schöner Blick über die Wiesen bis nach Eisenach. So konnte es also erst mal weitergehen. Nach ungefähr einer Stunde erreichte ich den Rennsteig, nicht weit von der „Hohen Sonne“, dem Startort früherer Jahre. Sofort war der Nebel wieder da und damit die Kälte. Ich schätze so vier bis fünf Grad und entsprechend feucht. Durch das langsame Tempo habe ich zu frieren begonnen, also rein in die nächste Schutzhütte und noch ein Shirt drunter gezogen.
Frühstückszeit und Kletterei
Nach zwei Stunden bergan begann dann auch langsam der Magen zu knurren. Es war gegen acht Uhr – also Frühstückszeit! Der Verpflegungspunkt an der Glasbachwiese kam genau richtig und war bestens vorbereitet. Fettbrot, Schnittlauchbrot, Schleim, Tee … genau in dieser Reihenfolge futterte ich mich dort durch. In einem Forum hatte ich den Tipp gelesen, sich bei dieser langen Strecke nicht nur flüssig zu ernähren, sondern auch etwas Festes zu essen. Ich probierte das auch im weiteren Verlauf aus und es bekam mir gut. Hinter der Glasbachwiese ging es dann weiter über Stock und Stein aufwärts Richtung Inselsberg. Wieder ein Abschnitt, den man nicht durchgängig laufen konnte. Es wurde immer verrückter, scheinbar senkrecht führte der Weg teilweise bergan und kostete eine Menge Kraft. Im Feld nahmen es scheinbar alle gelassen, es wurde zügig gegangen und irgendwann musste der Gipfel ja kommen. Im Stillen bestätigte ich meinen Entschluss, diesen ersten Teil des Laufes wirklich ruhig anzugehen.
Von Anfang an die Sau rauszulassen, hätte sich hier schon gerächt. Dann tauchte das 25 km-Schild aus dem Nebel auf und dahinter die Türme auf dem Inselsberg. Wieder Zeit für ein Foto und dann begann der oft beschriebene, berüchtigte Inselsberg-Abstieg. Der hielt tatsächlich, was er versprach: Extrem steil, extrem schmierig, extrem ging es auf die Knochen. Das war nicht ungefährlich und allerhöchste Vorsicht war geboten. Am Ende des Abstieges wartete bereits die Getränkestelle an der Grenzwiese. Dort sah ich übrigens einen Barfuß-Läufer! Ich dachte erst an einen Joke, aber er hatte tatsächlich eine Startnummer und trug den Zeitmess-Chip! Hoffentlich ist er gut ins Ziel gekommen, eigentlich unvorstellbar.
Freud und Leid
Auf das nächste Stück zwischen Inselsberg und Oberhof hatte ich mich schon gefreut. Eine Gegend, in der wir früher oft wandern waren. Ich war gespannt, wie es heutzutage um Heuberghaus, Possenröder Kreuz und Ebertswiese aussieht. Ein kleines bisschen hatte ich auch gehofft, dass der Lauf jetzt einfacher werden würde. So war es zunächst auch. Ich hatte nach immerhin fast dreißig Kilometern das erste Mal das Gefühl, in einen Laufrhythmus zu kommen! Der hielt auch die nächsten elf Kilometer bis zur Ebertswiese an, nur unterbrochen durch kurze Gehpausen, die ich vorsichtshalber an Anstiegen einlegte.
Die Verpflegungsstelle an der Ebertswiese war schon von weitem zu hören, laute Musik und Stimmung kündigten sie an. Auch dort wurde zum Verweilen eingeladen. Heidelbeer-Schleim, extrem lecker übrigens und diesmal auch ein Würstchen lies ich mir schmecken. Immerhin war erst die gute Hälfte des Laufes geschafft und es war auch schon gegen elf Uhr, also Mittagszeit. Der folgende Anstieg zwang wieder zum Gehen, aber so war Zeit genug, unterwegs in Ruhe zu essen und zu trinken. Nun folgte für meine Begriffe eine Art „k.o.-Teil“ der Strecke. Der Anstieg von der Neuen Ausspanne zu den Neuhöfer Wiesen. Er beginnt ungefähr da, wo die klassische Marathonstrecke absolviert ist und zieht sich scheinbar ewig. Bösestes Stück ist der sogenannte Sperrhügel. Schritt für Schritt ging es langsam auf steinigem Untergrund bergauf und kein Ende zu sehen! Ich war mir sicher, dass das 45-Kilometer-Schild auf dem Weg fehlte! Das war auch die Zeit, wo ich begann, die Zeit hochzurechnen und mich gefragt habe, wie das enden soll, wenn es nicht bald wieder schneller vorwärts geht. Also auch mental ein echter Knackpunkt nach rund sechs Stunden Lauferei!
Fünfzig plus!
Neeee hier geht’s nicht um mein Alter! Wir sind noch beim Rennsteiglauf! Irgendwann war auch der längste Anstieg zu Ende und ich war wieder zuversichtlich, zumal jetzt weitere Höhepunkte auf mich zukamen. Zunächst die 50-Kilometer-Marke! Ab jetzt war auch von der Streckenlänge her alles Neuland! Und kurz danach die Getränkestelle am Gustav-Freytag-Stein. Dort war ich mit einer Kollegin „verabredet“, die mit den Freunden vom SV Unterschönau die Läufer versorgt. Kurzes Hallo, ein Foto und ab Richtung Oberhof! Endlich am Grenzadler angekommen, wäre dort die Gelegenheit zum ehrenvollen Aussteigen gewesen. Bei der Rast am Verpflegungspunkt sah ich auch einige Läuferinnen und Läufer mit der Medaille um den Hals, die den Lauf nach 54,7 Kilometern, also immerhin auch im Ultrabereich, beendet haben. Für mich war das kein Thema. Ich hatte mir vor dem Start geschworen: wenn ich es bis Oberhof schaffe, komme ich auch ins Ziel!
Also zunächst Zeit für eine kurze Bestandsaufnahme. Sieben Stunden und zwanzig Minuten zeigte die Uhr. Das harte Profil bis hierhin hatte eine Menge Kraft gekostet. Aber mir ging es gut, nichts tat weh, keine Krämpfe, Frisur sitzt auch noch unterm Kopftuch. Also alles im grünen Bereich. Und es waren ja nur noch 18 Kilometer!
Ab jetzt Heimspiel
Hinter dem Rondell begann praktisch das Heimspiel. Hier kenne ich nun wirklich jeden Weg und ich freute mich darauf, über den Großen Beerberg und die Schmücke schnurstracks Richtung Ziel zu laufen. Die Kilometerschilder zeigten jetzt Distanzen, die ich noch vor einem Jahr ehrfürchtig bestaunt hätte. Die 60 tauchte auf! Jetzt, mit der Gewissheit im Kopf, diesen Lauf wirklich zu schaffen, machte sich schon mal ein Freudengefühl im Körper breit. Aber Vorsicht war immer noch angesagt. Der Weg zwischen Großem Beerberg und der Schmücke hielt noch viele Stolperfallen bereit und deshalb war auch nach fast neun Stunden Laufen noch höchste Konzentration gefordert. Bloß nichts riskieren und vielleicht jetzt noch verletzen! An dieser Stelle möchte ich einmal die Leute an den Verpflegungsständen bewundern! Zum Beispiel an der Schmücke. Dort stand man seit morgens bereit, versorgte erst die Halbmarathon-Läufer und dann die Supermarathonis. Nun, gegen Ende der Strecke war das Läuferfeld extrem auseinandergezogen. Die Läufer kamen oft im Abstand von Minuten vorbei. Und trotzdem war die Stimmung gut, alles war vorhanden und ein gutes Wort für die letzten Kilometer bekam ich auch noch mit.
„Läufer hat teilgenommen und das Ziel erreicht“
Jetzt war es wirklich nicht mehr weit! Nur noch eine einstellige Rest-Kilometerzahl! Am letzten Getränkepunkt lachte ich kurz in mich hinein. Wenn ich hier rechts abgebogen wäre, wäre es nach Hause ungefähr genausoweit wie nach Schmiedefeld gewesen. Aber nein, geradeaus. Am Skilift vorbei und dann, jaaaaaaaa die 70 tauchte auf! Jetzt wuchsen die Flügel! Rüber über die Straße, hinab nach Schmiedefeld! Dann war sie zu sehen – die 72! Das Schild, vor dem ich voriges Jahr stand, das ich fotografiert habe und das letztendlich eine Reihe von Gedanken ausgelöst hat, die sich jetzt vollenden würden! Locker und fröhlich genoss ich die letzten zweihundert Meter. Die Ziellinie überquerte ich mit einem Sprung! Oder wars nur ein Hüpfer? Egal, es war geschafft, geschafft, geschafft! Wie nebenbei bemerkte ich, dass mir die Medaille umgehängt wurde. Dann musste ich erst einmal kurz beiseite gehen. Mich überrannte ein Adrenalin-Kick, wie ich ihn noch niemals erlebt habe! Gefühlte zehn Minuten lang hat es mich einfach nur durchgeschüttelt! Was sich in diesem Moment alles entladen hat, war unfassbar! Schon kam auch ein Freund auf mich zu, der als Pressesprecher des Rennsteiglauf-Vereines tätig ist. Er hatte meinen Zieleinlauf mitbekommen und gratulierte als Erster. „Ich bin bekloppt – ich bin eben 72 Kilometer gelaufen…“ mehr brachte ich in diesem Moment nicht raus. Die Freude war einfach unbeschreiblich! Schade war nur, dass Manu in diesem Jahr auf den Lauf verzichten musste, eine dienstliche Veranstaltung ging leider vor. Aber sie kam auch schnell nach Schmiedefeld und wir haben uns doch noch am Ziel getroffen.
Medaille, Urkunde, Finisher-Shirt, Stempel mit dem Text siehe oben – dann war alles vollbracht! Was tut man nicht für diesen Moment! Aber ein bisschen bekloppt muss man doch sein, oder?