Lächeln - sonst ist etwas schiefgelaufen!
Hier ist nun der Bericht von meinem neuesten Lauf-Wunderabenteuer. Ich war im Erzgebirge zugange und hatte mich schon lange drauf gefreut, die Gegend früherer Ferienlager und Urlaube mal wieder zu besuchen. Der Drei-Talsperren-Marathon versprach eine reizvolle Strecke zwischen den Talsperren Eibenstock, Carlsfeld und Sosa. Um das Sightseeing abzurunden, hatte ich mir eine Übernachtung im Berggasthof auf dem Auersberg besorgt, immerhin nach dem Fichtelberg der zweithöchste Berg Sachsens. Der Plan war, dort oben gemütlich den Freitagabend bei guter Sicht ausklingen zu lassen. Diesen Plan verwarf ich allerdings sehr schnell, nachdem ich den Pächter des Hotels kennenlernte. Zunächst verschlossene Türen, man musste eine Handynummer anrufen, damit von irgendwo aus dem Haus jemand kam, um zu öffnen. Das Haus machte einen kalten, ungemütlichen Eindruck und es stank nach altem Frittenfett. Dann war der Zimmerschlüssel nicht zu finden und der Inhaber schimpfte in meinem Beisein lauthals über die „Deppen von Gästen“, die die Schlüssel „in ihrem Tran“ mitnehmen. Als ich dann noch den aus meiner Sicht stark überhöhten Zimmerpreis hinterfragte, bekam ich die hämische Antwort, ob ich das Zimmer vielleicht geschenkt haben wolle? Grund für mich, meine Tasche wieder zu nehmen und auf diese Art Gastfreundschaft zu verzichten. Ich bin den Berg wieder hinab gefahren, hinein in den nächsten Ort und habe mir eine Übernachtung dort gesucht, wo die Menschen einen freundlich mit „Glück auf“ begrüßen und nicht in einem badischen Dialekt belöffeln.
Am Samstagmorgen ging der erste Blick aus dem Fenster. Die Sonne schien, aber es war hundekalt. Das würde wieder so ein Klamottenspaß werden, was zieht man an und was nicht? Zum Glück war der Start erst 10.25 Uhr vorgesehen, bis dahin sollte das klar sein. Als ich in Eibenstock eintraf, war schon das Gewimmel voll im Gange, allerdings waren hauptsächlich Fahrräder zu sehen. Der Drei-Talsperren-Marathon ist eigentlich ein „Radrennen mit angehängten Läufern“, wenn man die Teilnehmerzahlen vergleicht. Es waren Radstrecken zwischen 30 km und 100 km ausgeschrieben, auf denen kamen insgesamt 674 Fahrer ins Ziel, während es bei den Läufern 150 auf dem Halbmarathon und ganze 84 Finisher auf dem Marathon waren. Aber so weit war es noch lange nicht. Ein bisschen Sorge machte mir der Blick auf das Höhenprofil, das sah nach extrem harter Arbeit aus. Aber ich wollte die drei Staumauern überlaufen und ohne Anstrengung wird das nun mal nichts. Als ich das Starterfeld sah, war mir klar, dass es ein recht einsames Rennen werden würde. So kam es später auch. Nach einer halben Stunde hatte sich alles sortiert und ich habe während des Laufes eigentlich nur immer die gleichen drei Leutchen zu Gesicht bekommen. Kurz nach dem Start, als das Feld noch beieinander lief, stand ein Zuschauer an der Strecke und meinte hintergründig „Ja, jetzt lächelt ihr noch!“. Eine Läuferin in meiner Nähe antwortete „Das bleibt auch so bis ins Ziel, sonst ist etwas schiefgelaufen!“ Diesen Spruch sollte ich mir in den nächsten Stunden noch öfter ins Gedächtnis zurückrufen!-
Schon nach einem Kilometer begann praktisch die Erwärmung – ein 6 km langer Anstieg mit 300 m Höhendifferenz! Danach straff bergab, durch das Örtchen Carlsfeld und dann begann auch schon der nächste Anstieg zum höchsten P
unkt der Strecke auf 913 m. Dort war auch die erste Talsperre erreicht und 12 Kilometer geschafft. Kurzer Fotostopp. Nebenbei kam ich zu der Erkenntnis, dass eine Talsperre nicht zwangsläufig im Tal sein muss. Die folgenden 5 km verliefen genauso steil bergab, wie es vorher aufwärts ging. Keine Sekunde Zeit zur Erholung, denn der Untergrund erforderte Aufmerksamkeit. Nach dem Verpflegungspunkt in Wildenthal ging es auch sofort den nächsten Stich hinauf – auf drei Kilometern wurden hundert Meter Höhe gewonnen. Von da an schimmerte immer mal wieder die Talsperre Sosa durch die Bäume. Der Weg führte in großem Bogen drum herum. Hier war auch die Hälfte des Laufes geschafft und ich merkte das ständige Auf und Ab schon in den Gelenken. An einen flüssigen Laufstil war nicht wirklich zu denken. Aber ich war ja auch wegen der Landschaft hier und die entschädigte durchgängig für die Anstrengung. Nach 25 Kilometern überquerte ich die Staumauer der Talsperre Sosa. Hier achtlos drüber zu rennen, wäre wirklich Frevel gewesen. Einige Sekunden genoss ich den Blick abwärts. Die von Felsen durchzogenen Täler boten einen herrlichen Anblick. Foto, und weiter ging es. Der letzte Abschnitt gestaltete sich noch mal hammerhart. Ab km 28 trafen die Halbmarathonläufer auf die Strecke und damit kam wenigstens ein bisschen Abwechslung ins Geschehen. Die letzten zehn Kilometer gestalteten sich als endloser Anstieg, nur selten unterbrochen von einigen Metern geradeaus. Angesichts dessen, was bisher zu leisten war, gefror doch jetzt hin und wieder das Lächeln und musste mühsam zurückgeholt werden!
Vier Kilometer vor Schluss endlich die letzte Staumauer – die Talsperre Eibenstock. Kurzzeitig kam der Gedanke auf, dass es nun irgendwann gemütlich bis zum Ziel weitergehen würde. Aber weit gefehlt! Die Veranstalter hatten wirklich dafür gesorgt, dass es bis 400 Meter vor dem Ziel bergan ging! Aber immerhin befand sich die Zielgerade auf einer Tartanbahn. Da konnte ich die coole Kampfsau raushängen lassen und locker und flüssig und natürlich lächelnd ins Ziel laufen! In Wirklichkeit hatte mein Körper zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Laut drauf: Aua! Aber eine Viertelstunde später sah die Welt schon wieder anders aus. Ich hätte mir nur noch gewünscht, dass es auch eine Finishermedaille gegeben hätte.
Also – kurzes Fazit: Ich vergleiche die Läufe gerne mit dem Rennsteig-Marathon. Dieser Lauf hier im Erzgebirge ist viel härter und erfordert mindestens genauso viel Vorbereitung! Ich würde auch nicht empfehlen, ihn für den Marathon-Einstieg zu nehmen. Neben dem harten Profil ist auch das Zeitlimit von 5:30 Stunden sehr ambitioniert. Aber ein Landschaftserlebnis allererster Güte gewinnt derjenige, der es, so wie ich, nicht übertreibt und die Augen zwischendurch offenhält. Und hier muss ich einmal die olle Läuferkamelle bemühen: Der Schmerz geht, aber der Stolz bleibt!