Konsequenzen
Letzte Woche suchte ich wieder mal den Laufladen meines Vertrauens auf, um ein Paar ausgelatschte Laufschuhe zu ersetzen. Nicht, dass ich in dem Geschäft mit unwiderstehlichen Preisen gelockt werde. Auch an einen Rabatt kann ich mich nicht erinnern, egal, wie viel Geld ich in den letzten Jahren schon dort gelassen habe. Aber das nur nebenbei.
Wichtiger war mir immer das Gespräch mit dem Inhaber, einem erfahrenen Lauffreund. Wir teilen viele Auffassungen rund um das volkssportliche und genussvolle Laufen und haben schon machen Kilometer gemeinsam zurückgelegt. Als ich Ende letzten Jahres mit meinem Vorhaben herausrückte, den Rennsteig mal auf dem „Ganzen Ganzen“ zu bezwingen, bemerkte ich schon seine Vorbehalte. Aber das war nicht schlimm für mich, solche Vorhaben finden nun einmal nicht jedermanns Zustimmung.
Als ich nun das erste Mal nach dem Lauf im Geschäft war, hörte ich zuerst die Frage, ob ich mitgemacht habe. Auf meine begeistertes „Ja“ kam nichts von wegen Anerkennung oder so, wie man es unter Sportsleuten möglicherweise kennt, sondern eine eher abfällige Bemerkung und der Hinweis, dass es selbst im eigenen Laden „so einen“ gibt (einen jungen Mitarbeiter). Ich hörte die Frage, ob meine Familie jetzt noch intakt sei. Irgendwie in einer Tonart, dass ich darüber nicht lachen konnte. Glücklicherweise waren meine Frau und meine Tochter dabei und konnten bezeugen, dass man nach einem Ultra-Lauf nicht zwangsläufig den Scheidungsanwalt bemühen muss. Zwischen diesen Bemerkungen versuchte ich vergeblich, ein Stück meiner Begeisterung rüberzubringen. Stattdessen die suggestive Frage, ob ich es nochmal machen werde. Offenbar in der Erwartung, ein entsetztes „Um Gottes Willen…“ oder so etwas zu hören. Na klar probiere ich das nochmal – dann kam die Frage „Und wo soll das enden, wie weit geht das noch? Was kommt danach?“. Wie danach? Es kommt das, was mir Spaß macht, war meine Antwort.
Und es brach weiter über mich herein. Ich erfuhr von Marathonläufern, die sich nach dem Lauf kurz freuten, duschten und dann offenbar dem Tagewerk nachgingen, während die Supermarathonläufer „mit verzerrtem Gesicht und sabbernd“ das Ziel durchliefen, dort „gehalten werden mussten, sonst wären sie immer weiter gelaufen mit irrem Blick“. Ich hörte von Ultraläufern, die sich stundenlang mit ihrem Finishershirt und der Medaille im Zielraum zeigten, um ein Höchstmaß an Bewunderung einzuheimsen.
Ich muss zugeben, dass es mir schwer fiel, sachlich zu bleiben. Während ich dies alles anhören durfte, probierte ich als Kunde Laufschuhe aus! Mir kam kurzzeitig der Gedanke, einfach zu gehen. Jetzt, im Nachhinein, ärgere ich mich sogar darüber, es nicht getan zu haben. Ich weiß nicht, was da passiert ist und kann nichts von alledem nachvollziehen, was da gesagt wurde. Aber ich bin wirklich angefressen, das merke ich daran, dass mich das heute noch beschäftigt. Auf meiner Laufrunde kam mir allerdings der Gedanke, das hier aufzuschreiben. Nun könnt ihr das auch lesen und geteiltes Leid ist bekanntlich nur noch das halbe Leid ;-)
Die erste Konsequenz: In meinem Bereich „Hintergründe“ gibt es einen neuen Artikel, in dem ich meine Gedanken zum Thema „Wie lang ist genug?“ mal für euch notiert habe.
Und die zweite Konsequenz: Bis auf weiteres hat dieser Laufladen das Prädikat „meines Vertrauens“ verloren. Sollte sich daran was ändern, erfahrt ihr es hier.