Hüppama im Schacht
Kristall-Lauf in Sondershausen, so hieß der Plan am gestrigen Samstag. Ein Untertage-Rennen war angesichts des Wetters sowieso die beste aller Möglichkeiten. Mit der Aussicht auf einen stimmungsvollen Lauf bei angenehmer Wärme machte ich mich auf den Weg. An dieser Stelle sei mal erwähnt, dass ich mir im Laufe der Jahre so eine Art Regel gebastelt habe, was die Anfahrt zu Läufen betrifft. Ich halte es so, dass die Laufzeit länger sein sollte als die Reisezeit, damit alles in einem vernünftigen Verhältnis bleibt.
So gesehen, macht Sondershausen eine Ausnahme, denn dorthin fahre ich knapp anderthalb Stunden. Doch gestern habe ich gemerkt, dass mir das Autofahren richtig gut getan hat. Samstagmorgen, kaum etwas los und weil ich auch beruflich oft in der Gegend zu tun habe kenne ich die Strecke in- und auswendig. Es dauerte auch keine zehn Minuten, da war das Gedankenkarussell in vollem Gange. Es ging praktisch quer „durch den Gemüsegarten“. Alles, was sich in den letzten Wochen so persönlich, familiär oder beruflich ereignet hatte kam in beliebiger Folge zum Vorschein. Ich bemerkte beim Fahren, wie der Geist aktiv zu Gange war, nachdachte, Gedanken kombinierte, Lösungen speicherte oder verwarf. Also eine absolute Kreativsitzung, vergleichbar mit dem, was ich eigentlich nur bei einsamen Läufen erlebe. Für mich hatte das Erlebnis zwei Aussagen – erstens, ich war entspannt und zweitens, es hatte sich eine Menge angestaut, was zu verarbeiten war. Die Zeit war also gut genutzt, auch wenn sie eigentlich aus dem gewohnten Rahmen fiel.
Beim Kristall-Lauf sollte es meine vierte Teilnahme seit 2003 werden. Ich schaute in meinem Tagebuch nach, ich scheine dort eine Zeit zwischen 1:04 und 1:05 h gepachtet zu haben. Genauso war es übrigens auch in diesem Jahr - auf die Minute genau. Das ist gut vergleichbar, denn es ist immer dieselbe Strecke. Zwei Runden von gut fünf Kilometern, die sich ungefähr in drei Kilometer Anstiege und zwei Kilometer Abstiege teilen. Also ein Berglauf im klassischen Sinne, der bei 25 Grad und ganz geringer Luftfeuchte eher die Läufer anspricht, die wissen, was sie tun. Allerdings habe ich in jedem Jahr mehr Teilnehmer registriert, wo das offenbar nicht angekommen ist. Gestern kamen die Letzten nach einer Stunde und vierzig Minuten! Wir reden also von sechs Kilometern in der Stunde. Ist das noch Laufen? Wandern stand jedenfalls nicht in der Ausschreibung. Was haben die wohl die ganze Zeit getrieben? Wahrscheinlich hatten sie irgendeine außergewöhnliche Begegnung mit dem Berggeist.
Das hätte mich ja auch überhaupt nicht gestört, doch zu diesem Zeitpunkt stand ich mit ca. zweihundert anderen Läufern Schlange, um die Urkunde ausdrucken zu lassen. Der Urkundendruck konnte allerdings erst beginnen, nachdem die Zeitnahme abgeschlossen worden war. Das war für die Letzten bestimmt auch nicht sehr erbaulich, als sie im Ziel von einer wartenden Menge begrüßt wurden, deren Gesichtsausdruck nur eine Aussage hatte: „Kommt endlich aus dem Quark!“. Na, vielleicht sind die Leutchen nächstes Jahr besser drauf. Aber insgesamt ist der Lauf und das Drumherum immer wieder eine feine Sache. Sehr gut organisiert, schöne Stimmung, ein originelles kleines Geschenk für den Finisher und die ganze Bergwerks-Atmosphäre sowieso. Wer das noch nie erlebt hat, sollte es sich einmal gönnen. Allerdings müsst ihr spätestens im Juni melden! Ich selbst hatte nur Glück und bin über eine Warteliste reingerutscht, als einige Interessenten zum Stichtag die Teilnahmegebühr nicht überwiesen hatten.
Nun hör ich ja zur Zeit immer mal ein bisschen Estnisch für Anfänger. Da drängt sich auch eine kurze Zusammenfassung des Laufes in der nordischen Sprache auf. Also, man mache erst ein bisschen „Hüppama“ zur Erwärmung. Das Wort hab ich mir gemerkt, es bedeutet Gymnastik. Ist ja auch nicht schwierig, oder? Hüpp ma mal eben! Im weiteren Rennverlauf fand dann vor allem „Rutschema“ statt, was den Untergrund betrifft und „Schwitzema“ angesichts der Temperaturen. Hüppama-Rutschema-Schwitzema – so einfach war das mit dem Kristall-Lauf!