Eigentlich
Eigentlich wollte ich morgen einen Lauf aus der Kiste „lang und langsam“ zaubern, so um die anderthalb Stunden für den Anfang vielleicht. Eigentlich wollte ich deswegen heute nur maximal sechs schnelle Kilometer auf dem Laufband abrollen. Danach wollte ich eigentlich nur ein bisschen Krafttraining machen. Aber eigentlich kam alles wieder mal ganz anders.
Zu meiner absoluten Anti-Leistungszeit, nachmittags nach drei, nach dem Kaffeetrinken, startete ich ins Fitnessstudio und wackelte mich auf dem Band ein, um dann zügig loszurennen. Irgendwie hatte ich ein gutes Gefühl und begann, ein bisschen rumzuspielen. Verschiedene Tempowechsel, ab und zu mal Steigungen, die verschiedenen angesprochenen Muskelgruppen aktiv wahrnehmend, so joggte ich vor mich hin, es war ja nicht für lange. Plötzlich waren die sechs Kilometer rum und ich hatte eigentlich keine Lust, aufzuhören. Also eine kurze Trinkpause und dann wollte ich die zehn rund machen, wenn es schon sein sollte. Entspannt bergauf, grenzwertig schnell in der Waagerechten, so ging es voran. Zehn waren geschafft und immer noch Spaß. Ich dachte dann, bei 12,5 km aufzuhören. Es wurde wieder nur eine Trinkpause. Weiter gings. Bei fünfzehn ist Schluss, redete ich mir ein, obwohl ich da schon weitere Varianten in Erwägung zog. Fünfzehn vorbei. Ich werde doch nicht so verrückt sein … Nein, nur noch zweieinhalb zum Auslaufen hänge ich dran. Da war ich bei 17,5. So ein krummer Wert, dachte ich und rannte weiter. Ich lief mich praktisch in ein Indoor-Runners-High. Kennt das schon jemand oder hab ich das eben erfunden? Ich ließ nicht mal im Tempo nach. Plötzlich erschien die 20 auf dem Display und die Zeitanzeige begann bei Null. Mehr als 120 Minuten waren da nicht vorgesehen. Jetzt wollte ich auch noch den Halbmarathon, aber dann musste Schluss sein! Nach 120 plus 5 Minuten leuchtete die 21,1 auf und ich hörte wirklich auf, obwohl … eigentlich wäre noch was gegangen. Aber ich musste leider aufhören, sonst hätte ich die Sauna nicht mehr geschafft. Soviel Belohung sollte dann schon sein.
Das war ja irre. Wenn ich mir vorgenommen hätte, auf dem Band zwanzig Kilometer zu laufen, hätte das der Kopf schon im Vorfeld abgeblockt und ich wäre nach einer Viertelstunde platt gewesen. Aber sich scheibchenweise vorzuarbeiten, das hat funktioniert. Ein schönes Beispiel dafür, wie man große Brocken in kleine, überschaubare Teile zerlegt und am Ende alles erreichen kann. Wie im richtigen Leben.