Ein eisiger Brocken
Hier sind nun auch meine Eindrücke vom Harz-Gebirgslauf. Der Wunsch, diese aufzuschreiben, brennt mir praktisch schon lange unter der Feder, doch im Moment bleibt mir kaum Zeit. Das Schreiben soll in erster Linie Entspannung für mich sein. In der Folge der Artikel merke ich rückschauend immer die Phasen, in denen Entspannung zu kurz kam. Ich werde mich mit diesem Thema mal gesondert beschäftigen, habe ich mir vorgenommen.
Aber nun zum Harz. Wer meine Geschichten hier verfolgt, weiß, dass ich ein ausgemachter Harz-Fan bin und jede Gelegenheit nutze, dorthin zu kommen. Ob zum Wandern oder Laufen, egal. Deshalb stand der Termin des Brocken-Marathons schon lange in meinem Kalender. Eigentlich war es der Berlin-Marathon, der sich noch dazwischen mogelte. Ich hoffte aber, dass zwei Wochen der Regeneration ausreichen würden, um den Harz ohne besonderen Leistungsanspruch laufend genießen zu können. Es ergab sich, dass ich in der Woche zuvor wieder in Berlin tätig war und am Freitag also den Weg nicht nach Hause, sondern nach Wernigerode nahm.
Die bunte Stadt empfing mich mit wunderschönem Herbstwetter und ich verdrängte gedanklich die Vorhersage, die für den Lauftag ein echtes Anti-Wetter angekündigt hatte. Doch schon bei der Startnummernausgabe im Rathaus wurde ich wieder auf den Boden der meteorologischen Tatsachen zurückgeholt. Am Marathon-Stand ein großes Schild mit dem Hinweis auf das Brockenwetter: Schneesturm und gefühlte minus 15-20 Grad zum Lauf waren angesagt! Die Veranstalter gaben deshalb den Läufern die Möglichkeit, auf die kürzere Strecke auszuweichen, die nicht über den Berg führte. Das kam natürlich für mich nicht in die Tüte. Genau wegen der verrückten Dinge war ich ja hier. Sollten doch die Sockenbügler ummelden. Klamotten genug hatte ich dabei, das sollte kein Problem werden. Nur ein paar Handschuhe habe ich mir schnell noch bei Waldemar gekauft, ein Autogramm auf die Startnummer geben lassen und damit war die Präparation für den Lauf abgeschlossen. Ein bisschen blieb ja noch die Hoffnung, dass es ja meistens nicht so schlimm kommt, wie vorausgesagt.
Denkste aber nur. Samstag morgen saßen wir zu siebt beim Frühstück in der Pension – alles verrückte Läuferinnen und Läufer. Die jubelnde Stimme des Nachrichtensprechers „Wir haben Schnee auf dem Brocken“ hatte für alle irgendwie einen sarkastischen Unterton. Es goss in Strömen, das Thermometer zeigte ganze vier Grad. Ich fuhr die Viertelstunde von Elbingerode nach Hasserode zum Start. Keine Veränderung, Regen, Kälte. Eine Stunde vor dem Start hörte wenigstens der Regen auf. Na also. Ich zog mich zwiebeltechnisch an, packte ein weiteres Shirt, Kopftuch und Handschuhe in eine Tüte und alles verschwand zusammen mit einigen Beutelchen Power-Gel in meinem Rucksack. Am Start war der Respekt vor der Strecke und den Bedingungen fast körperlich spürbar. Die Veranstalter nahmen das auch sehr ernst. Noch in der Startaufstellung mahnte der Sprecher, auf keinen Fall in kurzen Sachen über den Brocken zu laufen! Beim Blick in die Runde war aber zu sehen, dass die meisten Leute entsprechend gekleidet waren, da schien kein Greenhorn darunter, das seine Gesundheit riskieren wollte.
Die ersten zehn Kilometer bis Ilsenburg gestalteten sich dann auch als schöner Herbstlauf. Es wurde ein bisschen heller und das leichte Profil der Strecke machte Spaß. Letzterer war aber kurz danach zu Ende. Schauer folgte auf Schauer und mit wachsender Höhe kam auch die Kälte dazu. Ein Läufer erregte meine Aufmerksamkeit: Nicht sehr hoch gewachsen, ruhiger, konzentrierter Blick geradeaus. Mit federndem, lockerem Schritt nahm er den langen Anstieg scheinbar ohne Mühe. Toller Anblick! Es handelte sich übrigens um einen Schäferhund…Der Brocken-Aufstieg nahte und damit der spannendste Teil des Laufes.
Ab Kilometer 16 ist man praktisch ungeschützt dem Wind ausgesetzt, der an der Jacke zerrte. Immerhin hielt der Rucksack den Rücken ein bisschen geschützt. Irgendwann wurden die gelben Plastik-Westen ausgegeben, die zusätzlichen Schutz gegen den Wind boten. Logischerweise geht es kurz vor dem Brocken langsam voran. Der extrem steile Anstieg und eine Höhe von über 1000 Metern forderten Kraft und Konzentration. Nun kam auch Schnee dazu. Im dichten Nebel passierte ich den ersten Bahnübergang und stand plötzlich vor dem Brocken-Stein auf dem Gipfel. Es zog wie Hechtsuppe. Ich sprang durch den zertrampelten Schnee, der sich in viele Pfützen aufgelöst hatte. Von jetzt an waren auch die Schuhe durchweicht.
Also nichts wie weg aus dieser unwirtlichen Gegend! Leider hatte der Verpflegungspunkt unterhalb des Gipfels keinen heißen Tee mehr, obwohl nach mir noch schätzungsweise 200 Läufer kommen mussten! Das angebotene Wasser hatte Außentemperatur und traf wie ein Blitz im Magen ein. Das habe ich bei diesem Lauf schon besser erlebt, echt mal. Aber das war auch die einzige Stelle zum Meckern. Bei meinen bisherigen Teilnahmen war der zweite Teil des Laufes immer ein Bergab-Adrenalin-Flug durch die herrliche Landschaft. Davon war diesmal nicht wirklich was zu spüren. Ich habe die Plastikweste noch eine Stunde getragen, bis mir halbwegs wieder warm wurde. Von der Muskulatur reden wir lieber gar nicht erst - locker bin ich nach dem Brocken überhaupt nicht wieder geworden. Sicher hat da die fehlende Regeneration nach dem Lauf in Berlin auch noch ihren Teil dazu beigetragen.
Wie auch immer, ich „arbeitete“ die Kilometer herunter und schwatzte dabei mit einem jüngeren Läufer über Gott und die Welt bis hin zum Ziel. Dort erhielt ich meine Medaille von einer echten Brockenhexe umgehängt! Allein dafür hat sich der Weg gelohnt! Ich bin also gut durchgekommen, hatte trotz des Wetters weitgehend Spaß und habe mich nicht übernommen. Der Maßstab dafür ist – schmeckt das Zielbier oder nicht? Und es hat geschmeckt, sag ich euch!