Der Schmerz hat einen Namen
Allgäu-Panorama, hört sich das nicht irgendwie nach einem entspannten Busausflug an, so mit Blick in die Natur und Kaffeepause auf einer Hütte? Leider daneben, denn hinter dem Wort „Panorama“ stand noch das Wort „Marathon“ und dort, wo der war, kam maximal eine Kuh oder ein Läufer durch, aber kein Bus. Also war ich wieder mal selbst schuld an dem, was passiert ist.
Der Allgäu-Panorama-Marathon stand schon einige Jahre auf meiner Wunschliste, aber bis jetzt hatte es terminlich noch nie gepasst. Nun sollte es also sein. Ich reiste bereits am Freitagabend in Sonthofen an und gönnte mir am Samstag einen entspannten Panorama-Tag, allerdings mit der Seilbahn. Die phantastische Aussicht vom Nebelhorn machte mir richtig Lust, die Gegend laufend zu erforschen. Vorher schnupperte ich beim Abholen der Startunterlagen schon ein bisschen das Lauf-Feeling. Mit dem Allgäu-Outlet steht wahrscheinlich ein großer Sponsor hinter dem Lauf, denn neben der Startnummer gab es zu meiner Überraschung einen schönen Rucksack und ein Head-Tuch mit APM-Logo, dazu noch dies und das an kleineren Geschenken. Obendrauf noch 20 % Rabatt im Outlet selbst – wirklich alles sehr nett.
Der Lauftag versprach bestes Wetter, trocken und eher mit der Tendenz „zu warm“. Der Marathon-Start war bereits 8 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt waren die Läufer auf dem 70 km Ultra-Trail übrigens schon zwei Stunden unterwegs. Am Start waren um die 400 Leute, viele davon ausgerüstet wie zu einer Hochgebirgstour – Rucksäcke, Stöcke, Trinkflaschen. Ein bisschen wunderte ich mich schon, denn diese Dinge waren für den Ultra dringend empfohlen, soviel hatte ich gelesen. Aber für einen Marathon? Klar hatte ich das Streckenprofil gesehen. Es versprach zunächst 12 Kilometer fetten Anstieg und eine Cut-Off-Zeit von 3:15 h irgendwo bei Kilometer 17. Davon ließ ich mich als mit allen Laufwassern gewaschener Rennsteigläufer und Zermatt-ganz-oben-Finisher nicht beeindrucken. Soviel zunächst zum Thema Arroganz. Ganz hinten am Start stand noch ein Freund, der wollte walken und einer, der heute voller Freude seinen ersten Marathon vorhatte. Ich vermute, er wusste genauso wenig was er tat wie ich.
Nach zwei lockeren Kilometern begann auch gleich der erste Anstieg. Irgendwann wird der zu Ende sein, dachte ich, und dann wird wieder gelaufen. Aber es gab kein Irgendwann, denn das war schon DER Anstieg und der sollte gefühlt nie enden. Es war ja alles schön anzusehen, herrliche Landschaft, tolle Aussicht. Nur vorangekommen bin ich nicht wirklich. Fester Untergrund wechselte mit Treppenstiegen, manchmal ging es über eine Kuhweide. Die Kühe lagen entspannt im Gras und hatten den „Wer von uns ist hier eigentlich das Rindvieh?“-Blick drauf. Nicht wirklich motivierend, echt mal. Aber es lacht der zuletzt, der das Steak auf dem Teller hat, Freunde! Oft hatte ich das Gefühl, es geht senkrecht bergauf. Stöcke wären die perfekte Hilfe gewesen, okay, da hatten einige offenbar Insider-Wissen. Nach über anderthalb Stunden stellte ich erschrocken fest, dass ich gerade mal zehn Kilometer geschafft hatte! Das hatte schon jede Menge Kraft gekostet und jetzt kam die Höhenluft dazu. Plötzlich dachte ich ganz anders über die Cut-Off-Zeit und ich musste mich wahnsinnig anstrengen, diese überhaupt zu schaffen! Zum Glück ging es mir nicht allein so, es kamen einige ins Sprinten kurz vor Grasgehren.
Nun wurde es auch noch richtig heiß. Genau das Wetter, bei dem ich normalerweise überhaupt nicht mehr Laufen gehe, geschweige denn eine brauchbare Marathon-Leistung abrufen kann. Die Verpflegungspunkte lagen gefühlt sehr weit auseinander und ich hatte dann „Dauerdurst“, der die Laune auch nicht verbesserte. Hier hätte die Trinkflasche gute Dienste geleistet. Eigentlich hätte ich bei Halbzeit einpacken können, doch ich verlor nicht die Hoffnung, dass es irgendwann einfacher werden würde. Bis jetzt war es so, dass ich kaum einen Kilometer mal am Stück laufen konnte! Von Laufrhythmus reden wir also nicht und der stellte sich auch im weiteren Verlauf nicht ein. Nachdem bei Kilometer 32 der letzte mörderische Senkrecht-auf-und-wieder-ab-Berg bezwungen war, hätte der Lauf im lockeren Joggen zu Ende gehen können, denn von da an wurde es tatsächlich einfacher. Nur ich hätte mich nicht im Spiegel sehen wollen. Ich war total platt und erkämpfte mir praktisch jeden der restlichen acht Kilometer einzeln, indem ich vor mich hinträllerte: „Ein bisschen Traben geht doch noch“. Auf diese Art lief ich immer wieder an, denn Aufgeben kam nicht in Frage. Die Medaille fehlte bis jetzt in meiner Sammlung, ich wollte sie haben!
I
mmerhin konnte ich noch über mich und meine Kampfwanderung lachen, während ich dem Ziel näherkam! Auch so ein Erlebnis gehört eben mal dazu, wobei ich bis heute nicht weiß, was ich an diesem Tag hätte anders machen können. Ich war körperlich gut drauf und hatte auch Lust und Spaß, aber die Summe aller Umstände ließ eben nicht mehr zu. Irgendwann endete das Unternehmen mit einem lässigen Zieleinlauf. Zumindest wollte ich, dass es so aussieht. In Wirklichkeit zog es mich nur zum Stand mit dem Erdinger. Nicht viel später trudelten noch eine Handvoll andere versprengte Leutchen im Ziel ein und dann nahte auch schon der „Besen-Biker“. Den bekam ich noch nie bei einem Rennen zu Gesicht, doch wahrscheinlich gehört der zum Panorama dazu.
Die richtige Quittung für mein Tun bekam ich dann drei Tage später beim Firmenlauf „Thüringer Wald“ in Oberhof. Es waren nur ganze 4,5 Kilometer über die Biathlonstrecken am Grenzadler zurückzulegen. Doch trotz Massage am Vortag hatte ich das Gefühl von Stahlklammern um meine Oberschenkel und quälte mich unter höllischen Schmerzen über die Runde, nur dem Herdentrieb folgend und die fragenden Blicke der Kollegen im Rücken, die von mir als Läufer irgendeine Leistung erwarteten. NEIN! HEUTE! NICHT! Ich wusste, der Schmerz hatte einen Namen.