Ultra im Kopf
Jeder weiß, dass es beim Rennsteiglauf noch eine Strecke jenseits des Marathons gibt. Oft habe ich im Ziel gestanden und die Läufer angeschaut, die nach über 70 Kilometern Weg in Schmiedefeld ankamen. Neben der reinen Bewunderung auch immer mit der Neugier, irgendwas Exotisches an ihnen festzustellen. Am liebsten hätte ich mal einen angefasst, nur um zu sehen, ob das wirklich Menschen aus Fleisch und Blut sind, die so etwas schaffen.
Auch mit der Erfahrung der ersten Marathons war es für mich seinerzeit unvorstellbar, wie das gehen sollte. Wie trainiert man auf so einen Lauf? Jede Woche einen Marathon von Januar bis April? Früh 30 Kilometer vor der Arbeit? Abends zurück? Dabei immer den Druck der riesigen Distanz im Kopf? Ich bin die Strecke von Oberhof nach Eisenach in den 80ern mal am Stück gewandert. Das waren 66 km und ich war für die nächsten hundert Jahre platt. Diese Strecke und noch zehn weitere Kilometer laufen? Unvorstellbar. Deshalb habe ich bisher auch keine Sekunde damit verschwendet, mich mit diesem Thema überhaupt einmal zu beschäftigen.
Doch jetzt merke ich langsam, dass sich da im Kopf etwas ändert. Erst einmal: Wenn es niemanden gäbe, der das schafft, gäbe es diesen Lauf nicht. Außerdem bekamen die Menschen, die ich oben bestaunt habe, inzwischen Namen und Gesichter. Ich kenne einige, die das vollbracht haben persönlich und die sind ganz und gar nicht exotisch. Sie gehen zur Arbeit und laufen in der Freizeit – genau wie ich. 22 mal bin ich nun schon Marathon gelaufen. Auf der Straße, in den Bergen. Irgendwas Verrücktes darf es also mal wieder sein. Verrückt ja, aber lösbar ohne Nebenwirkungen, das ist nach meinen früheren Erfahrungen für mich wichtig. Also was?
Den Marathon schneller zu laufen, das möchte ich nicht. Vier Stunden habe ich mal gepackt, dafür aber mit hohem Aufwand und oft ohne Freude trainiert. Wozu?
Seitdem ich langsamer und genussvoll zu laufen gelernt habe, kenne ich aber ein Tempo, bei dem ich praktisch endlos weit laufen könnte. Das war ein völlig neues Gefühl für mich, hat sich aber bei den langen Trainingsläufen und auch beim Rennsteiglauf so bestätigt. Wenn ich den Kopf auf „40 km Plus“ programmiert hätte, wäre ich auch noch die 12 km bis nach Hause gelaufen. Kraft hätte ich dazu gehabt. Also sollte ich da mal was probieren. Ich denke, dass dies der Schlüssel für Läufe in die Überdistanz ist: Langsam laufen, an die Unendlichkeit denken und sich dann freuen, wenn es schon nach 70 km vorbei ist ;-)
Ja und welches Schild entdeckte ich rein zufällig auf einem kleinen Spaziergang am Vorabend des Rennsteiglaufes? Seht selbst! Wenn das kein Zeichen für nächstes Jahr ist!
